Indien

Indien ist seit dem Studium mein eigentlicher regionaler Schwerpunkt. Meine Magisterarbeit habe ich zum Thema Bürokratiereformen verfasst und habe mich dazu sechs Monate zur Forschung in Indien aufgehalten. Forschungsstationen waren Mumbai, Pune, Hyderabad, Bangalore und Delhi. In der Arbeit komme ich zu dem Schluss, dass die Reformen der Bürokratie aufgrund der Strukturen in Indien an der Bürokratie selber scheitern müssen. Bisherige Reformvorschläge, beispielsweise seitens der Weltbank, setzen nicht am Problem, sondern lediglich an den Symptomen des Problems an und werden so in absehbarer Zeit keine Erleichterungen bringen.

Zur gleichen Zeit habe ich bereits erste Interviews zum Thema Probleme deutscher Unternehmen in Indien, speziell in der IT-Branche, geführt. Es kristallisierte sich schnell heraus, dass das Problem der Mitarbeiterbindung die zentrale Herausforderung für deutsche, aber auch indische Manager stellt. Die Frage, was wollen die indischen Mitarbeiter, stand dabei im Vordergrund. Daraus entwickelte sich wiederum die Frage nach der Identität der indischen IT-Fachkräfte, denn, so die These:

Die indischen IT-Fachkräfte sind, anders als der Großteil der restlichen Bevölkerung, speziellen, aus ihrer Arbeit bzw. ihrer gesellschaftlichen Stellung resultierenden Einflüssen ausgesetzt. Diese Einflüsse sind geeignet, sich auf ihre Werte, Einstellungen sowie ihr Selbstbild auszuwirken. Entsprechend sind neue, vom Großteil der Bevölkerung abweichende Identitäten zu erwarten.

Die genannten Erwartungen bzw. Belastungen lauten kurz gefasst:

  • Arbeiten in internationalen Teams bzw. für internationale Kunden, Einbindung in internationale Arbeitsprozesse mit neuen, modernen Arbeitsabläufen
    → Die indischen IT-Fachkräfte geraten dabei in ein Spannungsfeld paradoxer Erwartungen. Ihre westlichen Auftraggeber erwarten, dass sie sich kreativ und ohne Autoritätsfurcht in Entscheidungsprozesse einbringen, ihr soziales Umfeld hingegen bleibt in den traditionellen Normen verhaftet.
  • Spezielle Belastungen des indischen IT-Bereichs
    → Häufig entbehren die IT-Fachkräfte aufgrund der langen Arbeitszeiten, des hohen Leistungsdrucks sowie der nächtlichen Arbeitszeiten jeglicher Form des sozialen Lebens.
  • Schneller sozialer und wirtschaftlicher Aufstieg
    → Die indischen ITler werden als neue Mittelklasse, z.T. auch als neue Elite sowie Repräsentanten des neuen, modernen Indiens gehandelt. Gleichzeitig werden sie von der alten, nationalen Elite als vulgär und unkultiviert abgelehnt.

Es gibt eine fantastische Studie von Carol Upadhya und A.R. Vasavi aus dem Jahre 2006 mit dem Titel „Work, Culture, and Sociality in the Indian IT Industry: A Sociological Study“. Darin werden die indischen ITler umfassend analysiert und charakterisiert. Diese Studie bietet einige Antworten auf die oben genannten Fragen.

Literatur

  • Carol Upadhya und A.R. Vasavi: „Work, Culture, and Sociality in the Indian IT Industry: A Sociological Study“, National Institut of Advanced Studies, Bangalore 2006.
  • Dwyer, Rachel: All You Want Is Money, All You Need Is Love. Sexuality and Romance in Modern India. London, New York: Cassell, 2000.
  • Hirschfeld, Karin: Harte Traumjobs in der Software-Industrie. In: Magazin Mitbestimmung 9 (2003).